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Blog der Doktorandinnen und
Doktoranden am Dubnow-Institut

Ein »typischer Kosmopolit«?

Über die Vorgeschichte der antisemitischen Kampagne von 1967/68 in Polen

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Ein »typowy Kosmopolita«Zu Deutsch: typischer Kosmopolit. sei Artur Kowalski, dem es an Verbundenheit zu Polen mangele und der die polnischen Interessen unzureichend vertrete, heißt es in dem abgebildeten geheimen Dossier des polnischen Innenministeriums (Ministerstwo Spraw Wewnętrznych, MSW). Seine Tätigkeit als Auslandskorrespondent in Deutschland sei mangelhaft, da er häufig Jiddisch statt Deutsch spreche. Dies habe wiederholt zu Missverständnissen und Problemen geführt.

Artur Kowalski wurde 1911 in Hohensalza (Westpreußen) geboren.Im Geheimdienstdossier ist als Geburtsort fälschlicherweise Łódź angegeben. Seine frühe Kindheit verlebte er also im deutschen Kaiserreich, seine Jugend bereits in Polen, denn die Stadt wurde 1920 der neu geschaffenen Zweiten Polnischen Republik zuerkannt und in Inowrocław umbenannt. Deutsch war die Sprache seiner Umgebungskultur, Polnisch die seines Elternhauses. Die Behauptung, Kowalski würde Deutsch mit Jiddisch verwechseln, entsprang wohl dem Ressentiment des Geheimdienstmitarbeiters und sollte die behauptete mangelnde Verbundenheit mit Polen unterstreichen. Dabei war Kowalskis Biografie maßgeblich von seiner polnischen Zugehörigkeit bestimmt. Zwar wurde er 1931 als Mitglied der Komunistyczna Partia Robotnicza Polski (Kommunistische Arbeiterpartei Polens) nach Brüssel entsandt. Nachdem er später im Spanischen Bürgerkrieg (1936–1939) und dann in der französischen Résistance gekämpft hatte, entschied er sich jedoch 1949 ganz bewusst und gegen den ausdrücklichen Wunsch seiner Ehefrau für die Rückkehr nach Polen. Seine Familie fand er dort nicht mehr vor, alle Angehörigen waren entweder im Holocaust ermordet worden oder hatten das Land verlassen. Dennoch blieb er im sozialistischen Polen.

Als in Polen im Juni 1967 von staatlicher Seite eine antisemitische Kampagne initiiert wurde, befand sich Kowalski in Bonn. Dort war er als Berichterstatter für das offizielle Parteiorgan Trybuna Ludu (Volksstimme) tätig. Da Polen zu jener Zeit keine diplomatischen Beziehungen zur Bundesrepublik unterhielt, kam Kowalski gewissermaßen die Funktion eines inoffiziellen Botschafters zu. Er stand in engem Kontakt mit der Führung der Polska Zjednoczona Partia Robotnicza (Polnische Vereinigte Arbeiterpartei, PVAP) sowie der deutschen Sozialdemokratie und setzte sich für eine Annäherung beider Staaten ein. Er hatte detaillierten Einblick in innerparteiliche Vorgänge der PVAP und wusste, dass er mit seiner politischen Haltung im Visier einer konkurrierenden Parteifraktion stand. Unmittelbar nach Beginn der Kampagne im Juni 1967 fasste er daher den Entschluss, nicht nach Polen zurückzukehren. Er ahnte, dass er zum Ziel antisemitischer Angriffe werden könnte. Er emigierte zunächst nach Israel und anschließend in die Vereinigten Staaten.

Mit freundlicher Genehmigung von Henri Kowalski
Dossier des Ministerstwo Spraw Wewnętrznych über Artur Kowalski, Warschau, 11. März 1967; mit freundlicher Genehmigung von Henri Kowalski
Mit freundlicher Genehmigung von Henri Kowalski
Dossier des Ministerstwo Spraw Wewnętrznych über Artur Kowalski, Warschau, 11. März 1967
Mit freundlicher Genehmigung von Henri Kowalski
Dossier des Ministerstwo Spraw Wewnętrznych über Artur Kowalski, Warschau, 11. März 1967

In der historischen Auseinandersetzung mit der antisemitischen Kampagne werden zahlreiche Dokumente beschrieben, die dem hier abgebildeten ähneln. Viele Mitglieder der PVAP wurden mit subtilen Verweisen auf ihre jüdische Herkunft der Illoyalität bezichtigt. Als am 5. Juni 1967 der sogenannte Junikrieg zwischen Israel und Ägypten, Jordanien sowie Syrien ausbrach, ergriff der gesamte Ostblock für die arabischen Staaten Partei und prangerte Israel als Aggressor an. Die antizionistische Rhetorik glich sich in den einzelnen Ländern, doch einzig in Polen wurde diese Stimmung dazu genutzt, Personen jüdischer Herkunft aus Partei und öffentlichen Ämtern zu entfernen. Der Antisemitismus diente als Instrument, um innenpolitische Konflikte auszutragen und Kontrahenten zu diskreditieren. Die Maßnahmen erreichten im Frühjahr 1968 ihren Höhepunkt, ehe die antizionistischen Angriffe im Laufe desselben Jahres aus Presse und offizieller Parteirhetorik verschwanden. In der Forschung wird daher der Zeitraum zwischen Juni 1967 und Sommer 1968 als die Phase der antisemitischen Kampagne bezeichnet. Die kurze Periode hatte gleichwohl weitreichende Folgen, denn vielen Opfern blieb eine Zukunft im Land verstellt. Sie verloren ihre beruflichen Positionen, ihre Parteizugehörigkeit, wurden bisweilen inhaftiert und öffentlich diffamiert. Etwa 15 000 der rund 30 000 noch in Polen lebenden Juden sahen sich genötigt, ihr Herkunftsland zu verlassen.

Artur Kowalski war einer der ersten, denen die antisemitische Kampagne die Heimkehr und damit ein Leben in Polen unmöglich gemacht hatte. Ihm folgten zahlreiche Betroffene mit vergleichbaren Biografien. Viele Kommunisten jüdischer Herkunft kehrten nach dem Holocaust zunächst nach Polen zurück, um sich dort am Aufbau des Sozialismus zu beteiligen. Sie nahmen zentrale Positionen im neuen politischen Gefüge ein, ehe sich das von ihnen mit errichtete System gegen sie wandte und sie zur Emigration zwang. Das Geheimdokument ist ein Zeugnis dieser Entwicklung. Es belegt die antisemitisch konnotierten Verleumdungen gestandener Parteimitglieder. In dieser Hinsicht ist es zwar tragisch, aber nicht außergewöhnlich. Bemerkenswert an dem Dossier über Artur Kowalski ist weniger der Inhalt als vielmehr das Datum seiner Ausfertigung: der 11. März 1967. Dies ist ein Indiz dafür, dass das Innenministerium bereits lange vor Beginn der im Zusammenhang mit dem Junikrieg initiierten antisemitischen Kampagne politische Kontrahenten aufgrund ihrer jüdischen Herkunft diffamierte. Der Antisemitismus im Polen der 1960er Jahre hielt also nicht erst im Sommer 1967 Einzug, vielmehr war er in Teilen der Partei bereits vorher fest verankert.

David Kowalski promovierte von 2011 bis 2015 am Dubnow-Institut. Seine 2018 unter dem Titel Polens letzte Juden. Herkunft und Dissidenz um 1968 publizierte Dissertation wird er im Rahmen der Jüdischen Woche am 24. Juni in Leipzig vorstellen. Die hier behandelte Quelle stammt vom Großvater des Autors | kowalski(at)eles-studienwerk.de