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Blog der Doktorandinnen und
Doktoranden am Dubnow-Institut

Zwischen Herkunft und Zugehörigkeit

Richard Löwenthal zu Gast in Israel

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Im Nachlass Richard Löwenthals findet sich die Übersetzung eines Interviews, das der deutsch-jüdische Intellektuelle Ende 1971 der israelischen Journalistin Yoella Har-Shefi gab. Am Schluss dieses Gesprächs stellte Har-Shefi dem sozialdemokratischen Vordenker die Frage, »welche Rolle das Judentum« in seinem Leben gespielt habe. Zögernd antwortete Löwenthal, dass er »niemals religiös, niemals Zionist« gewesen sei. »Aber« – und mit der folgenden Formulierung Löwenthals endet das Interview – »1947 entdeckte ich plötzlich eine Zugehörigkeit, daß das meine Sache ist …«. Die Jahreszahl 1947 ist in der Transkription mit einem Sternchen und der Frage versehen, ob es sich hierbei um einen »Druckfehler« handle und eigentlich 1967 gemeint sei. Offensichtlich wurde angenommen, dass Löwenthal nicht 1947, sondern wie so viele andere Juden weltweit nach dem arabisch-israelischen Junikrieg 1967 jene hisdahut (Identifikation) verspürte. In der hebräischen Publikation lautet der Satz: »Awal be-1947 giliti lefeta, sche-ani chasch hisdahut, sche-se injan scheli …« Als Antwort auf die Frage nach der persönlichen Bedeutung des Judentums war für den namentlich nicht bekannten Übersetzer anscheinend das Jahr 1967 naheliegender. Wenn aber tatsächlich 1947 gemeint ist, stellt sich die Frage, welche Zugehörigkeit Richard Löwenthal in diesem Jahr entdeckt haben könnte.

S. 1 der Übersetzung [o. D.] des Interviews mit Richard Löwenthal, „HaSakana HaGadola BeGermania: HaSmol“, in: Yediot Aharonot, 25. Februar 1972 (hebr.), in: Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung, Nachlass Richard Löwenthal, Mappe 392. Urheber konnte nicht ermittelt werden.
Übersetzung [o. D.] des Interviews mit Richard Löwenthal, in: Archiv der sozialen Demokratie, Nachlass Richard Löwenthal, Mappe 392.
S. 2 der Übersetzung [o. D.] des Interviews mit Richard Löwenthal, „HaSakana HaGadola BeGermania: HaSmol“, in: Yediot Aharonot, 25. Februar 1972 (hebr.), in: Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung, Nachlass Richard Löwenthal, Mappe 392. Urheber konnte nicht ermittelt werden.
Übersetzung [o. D.] des Interviews mit Richard Löwenthal, in: Archiv der sozialen Demokratie, Nachlass Richard Löwenthal, Mappe 392.
S. 3 der Übersetzung [o. D.] des Interviews mit Richard Löwenthal, „HaSakana HaGadola BeGermania: HaSmol“, in: Yediot Aharonot, 25. Februar 1972 (hebr.), in: Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung, Nachlass Richard Löwenthal, Mappe 392. Urheber konnte nicht ermittelt werden.
Übersetzung [o. D.] des Interviews mit Richard Löwenthal, in: Archiv der sozialen Demokratie, Nachlass Richard Löwenthal, Mappe 392.
S. 4 der Übersetzung [o. D.] des Interviews mit Richard Löwenthal, „HaSakana HaGadola BeGermania: HaSmol“, in: Yediot Aharonot, 25. Februar 1972 (hebr.), in: Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung, Nachlass Richard Löwenthal, Mappe 392. Urheber konnte nicht ermittelt werden.
Übersetzung [o. D.] des Interviews mit Richard Löwenthal, in: Archiv der sozialen Demokratie, Nachlass Richard Löwenthal, Mappe 392.
S. 5 der Übersetzung [o. D.] des Interviews mit Richard Löwenthal, „HaSakana HaGadola BeGermania: HaSmol“, in: Yediot Aharonot, 25. Februar 1972 (hebr.), in: Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung, Nachlass Richard Löwenthal, Mappe 392. Urheber konnte nicht ermittelt werden.
Übersetzung [o. D.] des Interviews mit Richard Löwenthal, in: Archiv der sozialen Demokratie, Nachlass Richard Löwenthal, Mappe 392.
Publikation des Interviews auf Hebräisch in Yediot Aharonot.
„HaSakana HaGadola BeGermania: HaSmol“ [„Die große Gefahr in Deutschland: die Linke“] Interview der israelischen Journalistin Yoella Har-Shefi mit Richard Löwenthal in: Yediot Aharonot, 25. Februar 1972, 7 (hebr.).

Das Interview wurde erst am 25. Februar 1972, zwei Monate nach dem Treffen zwischen Har-Shefi und Löwenthal, unter dem Titel HaSakana HaGadola BeGermania: HaSmol Die große Gefahr in Deutschland: die Linke in der israelischen Tageszeitung Yediot Aharonot publiziert. Anlass des Gesprächs war Löwenthals Aufenthalt als Gastdozent am Institut für Deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv gewesen, sein erster Besuch in Israel überhaupt. Löwenthal hatte in der Bundesrepublik zu den Wegbereitern des aus deutsch-israelischen Wissenschaftskontakten hervorgegangenen Instituts gehört. Für dessen inhaltliche Agenda, die sich unter anderem auf Juden und jüdische Aspekte in der deutschen Arbeiterbewegung richtete, dürften die Ansichten des deutsch-jüdischen Sozialdemokraten von besonderer Bedeutung gewesen sein. So hatte Gründungsdirektor Walter Grab anlässlich der Eröffnungsfeier des Instituts Löwenthal als ersten deutschen Gelehrten zu einem Gastaufenthalt eingeladen. Nicht nur sein Festvortrag über Geschichtszerrissenheit und Geschichtsbewußtsein in Deutschland, auch das von ihm abgehaltene thematisch anschließende Seminar fand großes Interesse in der israelischen Öffentlichkeit. Das Interview thematisiert Löwenthals Erfahrungen als Jude in Deutschland. Gleich die erste Frage zielte darauf, wie es ihm, der das »Deutschland von gestern und heute so gut« kenne und verstehe, möglich gewesen sei, nach dem Zweiten Weltkrieg zurückzukehren. Sein politisches Engagement hingegen tritt im Gespräch deutlich in den Hintergrund.

Anlass für die Veröffentlichung des Interviews im Februar 1972 war dann auch weniger Löwenthals Besuch als die zu Beginn desselben Monats ausgesprochene Einladung der israelischen Premierministerin Golda Meir an Willy Brandt, als erster amtierender deutscher Bundeskanzler den Staat Israel zu besuchen. Har-Shefi befragte Löwenthal, der in einer einführenden Notiz zum Interview unter anderem als Vertrauter Willy Brandts ausgewiesen wurde, gewissermaßen im Namen der israelischen Öffentlichkeit auch nach dem Verhältnis Deutschlands zu Israel, was vice versa der Verständigung über das Verhältnis der israelischen Gesellschaft zu Deutschland diente. Im Verlauf kamen die Gesprächspartner zwar nicht direkt auf den arabischen-israelischen Junikrieg, aber doch auf die Haltung Deutschlands und besonders der deutschen Linken zum Nahostkonflikt zu sprechen. Richard Löwenthal führte dazu aus, dass der Vietnamkrieg die politische Perspektive weiter Teile der Linken insofern verzerrt habe, als diese überzeugt seien, »daß der grundsätzliche Konflikt zwischen dem Selbstbestimmungsrecht und dem Imperialismus liegt«. Als Har-Shefi einige Fragen später indirekt darauf zurückkam, indem sie ihren Eindruck schilderte, dass »die junge Generation in Deutschland dazu neigt, in Israel den imperialistischen Eroberer zu sehen«, relativierte Löwenthal diese Einschätzung mit Verweis auf »extremistische Gruppen«, in denen dies »vielleicht« der Fall sei. Stattdessen erteilte er Har-Shefi und der israelischen Öffentlichkeit Ratschläge, wie Israel sein »Image« verbessern könne. Insgesamt liest sich die Position Löwenthals zum Nahostkonflikt so, als sei er von diesem nicht außergewöhnlich stark affiziert. Er mag daher 1967 nicht unbedingt eine »Identifikation« verspürt haben. Aber gerade weil es in dem Interview kaum um Löwenthals Engagement in der deutschen Arbeiterbewegung ging, erschließt sich die Bedeutung des Jahres 1947 im Hinblick auf seine Zugehörigkeit nicht sogleich.

1947 war für Richard Löwenthal allerdings tatsächlich ein Schicksalsjahr. In diesem Jahr wurde sein Buch Jenseits des Kapitalismus veröffentlicht, sein Beitrag zur sozialistischen Neuorientierung nach dem Ende des Nationalsozialismus. Als Schulungsbuch der SPD unter Kurt Schumacher und als Manifest der »antikommunistischen Linken« sollte es schließlich eine ganze Generation von Sozialdemokraten prägen. Er hatte es seinen »überlebenden Freunden« gewidmet, die größtenteils keine Juden waren und mit denen er bis zu seiner Emigration im Widerstand organisiert gewesen war. Wegen ihnen, so legte er an anderer Stelle dar, habe es ihm keine Schwierigkeiten bereitet, aus seinem Londoner Exil nach Deutschland zurückzugehen. Mit Jenseits des Kapitalismus legte er den Grundstein für seine politische Karriere als streitbarer und engagierter Intellektueller der bundesdeutschen Sozialdemokratie, deren Weg er bis zu seinem Tod 1991 nachhaltig zu beeinflussen suchte. In ihr hatte Löwenthal, der zuvor bereits der KPD und bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs der linkssozialistischen Splittergruppe Neu Beginnen angehört hatte, seine – wie er selbst gern sagte – »politische Heimat« gefunden. Ihr fühlte er sich spätestens ab 1947 zugehörig.

Felix Pankonin promoviert am Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow über Richard Löwenthals Engagement für die SPD | pankonin(at)dubnow.de

Titelfoto: Richard Löwenthal im Gespräch mit Willy Brandt auf dem SPD-Bundesparteitag 1968 in Nürnberg. Neben Brandt sitzen Helmut Schmidt und Ludwig Rosenberg. © J. H. Darchinger/Friedrich-Ebert-Stiftung

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