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Blog der Doktorandinnen und
Doktoranden am Dubnow-Institut

Mehr Breite – mehr Tiefe

Ein Gutachten über Peter Szondi und Werner Vordtriede

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Gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Wandel vollziehen sich meist nicht abrupt, sondern in kleinen Schritten. Der Wandel an den westdeutschen Universitäten in den 1960er Jahren geht, im Detail betrachtet, aus einer Unmenge von kleinen und größeren Richtungsentscheidungen hervor und aus immer wieder neu organisierten Mehrheiten, die auf geteilten Interessen basieren.

Als der Pariser Germanist Claude David im Sommer 1964 gefragt wurde, ob er ein Gutachten für eine neue literaturwissenschaftliche Professur erstellen könne, hatte die Kommission an der Freien Universität Berlin das Feld schon auf zwei Kandidaten eingeschränkt. Ein öffentliches Bewerbungsverfahren gab es nicht; man wählte Kandidaten nach den Schriften, nach Empfehlungen oder persönlicher Bekanntschaft aus. Den meisten Kommissionsmitgliedern war der jüngere Kandidat, Peter Szondi, der sich vier Jahre zuvor an der FU habilitiert hatte, persönlich bekannt. Den Älteren hingegen, Werner Vordtriede, kannte man wohl eher dem Hörensagen nach. Die Ausnahme bildete Michael Landmann, ein Initiator dieser neuen Professur, der ein Jugendfreund Vordtriedes war.

Gutachten von Claude David, Freie Universität Berlin, Universitätsarchiv, Phil-V, Nr. 74.
Gutachten von Claude David, Freie Universität Berlin, Universitätsarchiv, Phil-V, Nr. 74.
Gutachten von Claude David, Freie Universität Berlin, Universitätsarchiv, Phil-V, Nr. 74
Gutachten von Claude David, Freie Universität Berlin, Universitätsarchiv, Phil-V, Nr. 74.

Das Gutachten ist ein denkbar unauffälliges Dokument, doch wovon es erzählt, das sind ganze Lebensgeschichten. Denn es ist bemerkenswert genug, dass die Kommission ausgerechnet diese beiden Personen ins Auge fasste. Im Gespräch waren zuvor recht große Namen aus Universität und Literaturbetrieb, etwa der Feuilletonchef der Neuen Zürcher Zeitung, Werner Weber, oder Hans Mayer, der seiner Leipziger Professur jüngst den Rücken gekehrt hatte. Die engere Auswahl fiel dann jedoch auf zwei zu diesem Zeitpunkt weniger bekannte Personen, die bei allen Unterschieden auch einige Gemeinsamkeiten hatten. Dazu zählte, dass keiner der beiden ein Standing in der deutschen Hochschullandschaft vorzuweisen hatte, womit er das neue Fach, das mit dieser Professur an der FU aufgebaut werden sollte, von vornherein hätte stützen können. Beide agierten als intellektuelle Figuren auch außerhalb der Universität, Vordtriede als literarischer Übersetzer, Szondi als streitbarer öffentlicher Intellektueller. Beide waren Kenner der deutschen und französischen Sprache und Literatur, der englischen, Vordtriede auch der spanischen. Aber auch ihre Lebensgeschichten offenbaren Gemeinsamkeiten, denn sie waren beide, identifiziert als Angehörige der jüdischen Minderheit, ins Exil gezwungen worden und hatten beide die Staatsbürgerschaft ihres Exillandes angenommen.

Vordtriede war 1933 direkt nach dem Abitur in die Schweiz gegangen, um dem zusehends antisemitischen Klima in seiner Heimatstadt Freiburg zu entgehen. Sein Weg führte ihn weiter über England (und Frankreich, wo er 1939 als „feindlicher Ausländer“ einige Monate im Lager Varimpré interniert wurde) in die Vereinigten Staaten. Dort studierte er, promovierte mit einer vergleichenden Arbeit über Stefan George und Stéphane Mallarmé und unterrichtete an verschiedenen renommierten Hochschulen romanische Sprachen und Literaturen. 1960 kehrte er nach Deutschland zurück, wo er eine Stelle an der Münchner Universität innehatte. 1963 erschien seine vergleichende Studie über Novalis und die französischen Symbolisten; danach verlegte er sein Schaffen immer mehr ins Literarische. Szondi war 1944 gemeinsam mit seiner Familie in dem sogenannten „Kasztner-Zug“ aus Budapest entkommen und nach einer monatelangen Internierung in Bergen-Belsen in die rettende Schweiz gelangt. Er hatte in Zürich und Paris studiert und war nach seiner vielbeachteten Dissertation Theorie des modernen Dramas und einigen Jahren zwischen Schul- und Kulturbetrieb an die FU gekommen, um sich dort 1960 mit einem Versuch über das Tragische zu habilitieren. Seither hatte er in Göttingen, Heidelberg und Princeton als Privatdozent, Vertretungs- bzw. Gastprofessor gewirkt. Beide waren Exilanten, beide Kinder des europäischen Bildungsbürgertums und der jüdischen Assimilation.Vordtriede, dessen Mutter aus einer jüdischen Familie kam, bezeichnete sich in jüdischer Gesellschaft in New York als „Goy“. Er bezog die Fremdidentifikation, die ihn in Deutschland ausgeschlossen hatte, also nicht auf sich, sondern blieb im Krieg entschieden Bürger eines intellektuellen Europa, orientiert an Thomas Mann und André Gide. Werner Vordtriede, Das verlassene Haus. Tagebuch aus dem amerikanischen Exil, Konstanz 2002, 265 (Eintrag vom 31. Januar 1944). Die Kommission schien mit ihrer Vorauswahl an diese zerstörten Traditionen anknüpfen zu wollen, und das an einer besonderen Stelle, dem neuen Seminar, das – jenseits der alten Nationalphilologien – für „literaturwissenschaftliche Systematik“So einer der Initiatoren, Michael Landmann, in seinem ein Jahr zuvor erschienenen Aufsatz „Lehrstühle für Literaturwissenschaftliche Systematik“, in: Die deutsche Universitätszeitung 19/VI (1964), 12–16. zuständig sein sollte. Dass man die Professur von vornherein mit Blick auf die internationale Öffnung der Literaturwissenschaft besetzen wollte, darauf weisen auch die internationalen Gutachter aus den Vereinigten Staaten, der Schweiz, den Niederlanden und aus Frankreich hin.

Sowohl Vordtriede als auch Szondi waren „besonders geeignet“ für diesen Posten, das wusste auch David, aber es war klar, dass das neue Seminar in seiner Gestalt sehr von der Prägung durch den Gründungsdirektor abhängen würde. Welche Richtung sollte das Seminar einschlagen? Szondis persönliche und inhaltliche Nähe zur Frankfurter Schule war bekannt. Demgegenüber zeichnete sich Vordtriede durch Nähe zum George-Kreis aus, der den meisten in der Kommission zwar sicher als gestrig galt, durch Landmann jedoch prominent vertreten war. Sollte Landmann indes gehofft haben, von David, der mit Monographien über George und Friedrich Gundolf hervorgetreten war, ein Votum für Vordtriede zu erhalten, so wurde er enttäuscht. Am Ende berief die FU Szondi, und mit ihm das zukunftsweisendere Forschungsprogramm. Vordtriede galt, das zeigt Davids Gutachten deutlich, eher als Homme de lettres, Szondi eher als philosophischer Kopf, kulminierend in der Feststellung, Vordtriede besitze „mehr Breite“, Szondi hingegen „mehr Tiefe“. Diese Formulierung findet sich ähnlich auch in anderen Gutachten, zum Beispiel demjenigen von Szondis Doktorvater Emil Staiger, der darauf hinweist, dass mit der Wahl eine Richtungsentscheidung verbunden ist: hergebrachte Komparatistik (Vordtriede) oder allgemeine Literaturwissenschaft (Szondi). Für das neue Fach, das die Nationalphilologien schließlich nicht nur vergleichend, sondern auch literaturtheoretisch ergänzen sollte, war Szondi also der richtige Kandidat. Er stieß in den wenigen Jahren, die er diese Stelle innehatte, die West-Berliner Tore weit auf zur Welt und zu den großen aktuellen Theorie-Entwicklungen.

Hans-Christian Riechers ist Germanist an der Universität Freiburg und wurde mit einer Arbeit über Peter Szondi promoviert, die kürzlich unter dem Titel „Peter Szondi. Eine intellektuelle Biografie“ bei Campus erschienen ist. | hans-christian.riechers(at)germanistik.uni-freiburg.de

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