»Ich bitte Sie, die Gründung dieses Hauses […] als einen bewußten Beitrag zur Arbeit an der Gesundung unserer Wirtschaft [anzusehen].« Mit diesen Worten wandte sich Salman Schocken in einer Rede, die später in der Hauszeitung abgedruckt wurde, an die Nürnberger Öffentlichkeit. Anlass war die Eröffnung des Schocken-Kaufhauses am Aufseßplatz in Nürnberg am 11. Oktober 1926. In den wirtschaftlich wie politisch krisenhaften 1920er Jahren zielten diese Bemerkungen auch darauf, Vorurteile und Skepsis gegen das Warenhaus zu zerstreuen. Während einige Zeitzeugen sich an der modernen Architektur störten, war bei anderen die Kritik am Warenhaus als Organisationsform des Einzelhandels offenbar mit antisemitischen Vorstellungen verknüpft.
Salman Schocken konnte zum Zeitpunkt der Eröffnung auf das 25-jährige Bestehen des Konzerns zurückblicken. Bereits 1901 hatten sein Bruder Simon und er das erste Geschäft in Zwickau gegründet. In den Folgejahren entwickelten beide ein eigenes Einzelhandelsmodell, welches die Gründung neuer Filialen sowie die Integration anderer Geschäfte in das eigene Vertriebsmodell erleichterte. Bis 1930 entstanden auf diese Weise 18 Filialen des Schocken-Konzerns – vor allem in Sachsen, aber auch in anderen Landesteilen. Trotz Krisen und Umbrüchen im und infolge des Ersten Weltkriegs wuchs der Schocken-Konzern in der Weimarer Republik zu einer der größten Warenhausketten heran.
Die Gründung der Nürnberger Zweigstelle war aber nicht nur bedeutsam, weil sie im Jubiläumsjahr stattfand, sondern sie markierte den Beginn der Zusammenarbeit der Firma Schocken mit dem Architekten Erich Mendelsohn. Dieser galt als ein Pionier moderner Architektur und sollte in den folgenden Jahren auch die Schocken-Kaufhäuser in Stuttgart und Chemnitz entwerfen. Die Grundlage der engen Zusammenarbeit scheint nicht zuletzt in den gemeinsamen Überzeugungen gelegen zu haben. In seinem Gedicht Warum diese Architektur? beschrieb Mendelsohn ebenjene als Sinnbild der unaufhaltsamen dynamischen Entwicklungen der Moderne und des Fortschritts, die er mit den Schlagworten »Zweckmäßigkeit, Klarheit, Einfachheit« charakterisierte. Ähnliche Gedanken spiegelten sich auch in Schockens Rede zur Eröffnung in Nürnberg. In gleichsam architektonischer Sprache beschrieb er dort die Besonderheit seiner modernen Konzernphilosophie in Abgrenzung zu anderen Einzelhandelsgeschäften nicht zuletzt auch als die »Fähigkeit, […] mit wenigen Hauptlinien das Notwendige zu gestalten«.
Für Schocken und Mendelsohn war der Neubau Ausdruck moderner Gestaltungskraft. Augenscheinlich standen sie mit dieser Meinung nicht allein da: Berichten zufolge strömten Zehntausende zur Eröffnung, und auch in der nachfolgenden Zeit erfreute sich das Warenhaus großer Beliebtheit. Doch gab es auch ablehnende und hasserfüllte Reaktionen. Karikaturen und Artikel in der antisemitischen Hetzschrift Der Stürmer (Nr. 43, 1926) kommentierten die Architektur als krankmachend und setzten die Eröffnung mit der Beerdigung des »ehrlichen, kleinen Geschäftsmanns« oder auch dem Raubzug einer angeblichen »jüdischen Hochfinanz« gleich.
In derselben Zeitungsausgabe findet sich mit dem Gedicht Das neue Lied vom Warenhaus eine im Stürmer eher selten anzutreffende Textgattung: Das Gedicht präsentiert in sieben formal einförmigen Strophen eine alternative Sicht auf die Eröffnung. Dabei wirkt es stilistisch gemäßigter als die sofort als solche erkennbaren aggressiven und geschmacklosen Hetzartikel. Inhaltlich verbindet es Motive der Eröffnung und des Nürnberger Stadtbildes mit Bildern und Metaphern, die das antisemitische Weltbild der Redaktion widerspiegeln. Das Gedicht basiert auf einem radikalen Dualismus von Judentum und Christentum, welcher durch die betont religiöse Sprache wie zum Beispiel »Jehova«, »Schocken-Weihgesang« oder »Christengott« expliziert wird. Die Verquickung von religiösem Dualismus und antisemitischen Weltbild zeigt sich beispielhaft in der zweiten Strophe. Die moderne Architektur wird als »Zwei Kisten und ein Schrank« verhöhnt; selbst das neue Nürnberger Postscheckamt – ebenfalls aufgrund seiner zweckmäßigen, modernen Architektur umstritten – erscheine dagegen wie ein Palais. In der Strophenmitte verweist das Stoßgebet »O, Sankt Laurentius, steh uns bei« auf die fußläufig entfernte Kirche St. Lorenz – ein Wahrzeichen Nürnbergs. Auf diese Weise wird das »jüdische« Warenhaus zur sichtbaren Antithese des vermeintlich »christlichen« Nürnbergs stilisiert.
Anhand zahlreicher weiterer Beiträge lässt sich nachvollziehen, wie das Warenhaus als solches und speziell der Schocken-Konzern für den Stürmer zu einer wichtigen Projektionsfläche seines antisemitischen Weltbilds wurden. Bereits 1924 wurde das Warenhaus im Stürmer negativ thematisiert, ab 1926 bekam diese Wertung jedoch eine neue Qualität: Immer stärker projizierte die Zeitung antisemitische Motive und stereotype Zuschreibungen auf die »jüdischen« Warenhäuser im Allgemeinen und auf das Kaufhaus Schocken im Besonderen, auch um politisch gegen den Nürnberger Oberbürgermeister Hermann Luppe zu hetzen. Dessen offizielle Teilnahme an der Eröffnung des Schocken-Kaufhauses wurde von Julius Streicher, Herausgeber des Stürmer, als Schlag gegen die »deutschen« Geschäftsleute und Arbeiter gebrandmarkt. Der Schocken-Konzern bemühte sich daraufhin, die Vorwürfe zu entkräften und den Wert des Unternehmens auch unter den neuen politischen Vorzeichen immer wieder neu zu begründen – sei es in der Eröffnungsrede Schockens noch Jahre vor der Machtübertragung auf die Nationalsozialisten, durch den Verkauf der Aktienmehrheit an »Arier« 1936 oder die Begründung des wirtschaftlichen und sozialen Werts des Unternehmens an politische Ämter im Januar 1938. Doch der Stürmer wurde nicht müde, neue Anschuldigungen gegen das Warenhaus und seinen Namensgeber zu formulieren.
Die aggressive und polemische Sprache, die nach 1933 zunehmend böswilliger und vulgärer wurde, gibt einen unmittelbaren Eindruck von der Situation, der sich Salman Schocken und seine Familie in Deutschland ausgesetzt sahen. Das »jüdische Warenhaus« war bereits vor 1933 jahrelang zu einer Gefährdung für Deutschland stilisiert worden. Doch ab Mitte der 1930er Jahre scheint seine Bedeutung als Projektionsfläche für antisemitische Hassreden im Stürmer abgenommen zu haben. Dies reflektiert nicht zuletzt die bis 1938 erfolgten Enteignungen. Das Gedicht Das neue Lied vom Warenhaus mag in dieser Entwicklung eine Randnotiz gewesen sein, und doch bringt es kompakt die innere Logik des Stürmer zum Ausdruck: ein in sich geschlossenes, antisemitisches Weltbild, dessen radikaler christlich-jüdischer Dualismus beliebig auf Architektur, Wirtschaft, Presse, Politik und Stadtbild oder im Prinzip jedes andere gesellschaftlich relevante Thema übertragen werden konnte. In diesem Weltbild verblasste der Schocken-Konzern als ein reales, auf einem erfolgreichen Konzept basierendes Unternehmen. Angesichts der zunehmenden Bedrohung emigrierte Salman Schocken noch 1933 nach Palästina, von wo aus er die Geschäfte des Schocken-Konzerns und den Ausbau des eigenen Schocken-Verlags, solange es ging, vorantrieb. In seiner Eröffnungsrede aus dem Jahr 1926 hatte er ein rabbinisches Zitat eingebaut, das er sich offensichtlich selbst zu eigen gemacht hatte: »Es ist nicht deine Pflicht, die Arbeit zu vollenden, aber du hast auch nicht die Freiheit, dich ihr zu entziehen.«
Georg Seltmann studiert Evangelische Theologie sowie Judentum in Tradition und Gegenwart und ist als Hilfskraft an der Forschungstelle Judentum der Universität Leipzig tätig. Hier arbeitet er mit dem Dubnow-Institut im Rahmen des Forschungsprojekts »›Betrieb und Idee‹«. Salman Schockens Universum im Jerusalemer Archiv« zusammen. | seltmanngeorg@gmail.com
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