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Blog der Doktorandinnen und
Doktoranden am Dubnow-Institut

»Also Kameraden: Schreibt, beschreibt kurz und scharf.«

Abraham Levites geplante Auschwitz-Anthologie

von

Anfang Januar 1945 schrieb der damals 27-jährige Abraham Levite im Lager Auschwitz-Birkenau die Einleitung zu einer geplanten Auschwitz-Anthologie. Da die beteiligten Autoren davon ausgingen, dass keine Juden das Lager überleben würden, sollten die Texte den Nachgeborenen eine jüdische Perspektive auf die Qualen der Lagerhaft und Vernichtung vermitteln. In der Einleitung äußert Levite seine Befürchtungen hinsichtlich der Form, in der die Erinnerung an die jüdischen Häftlinge von Auschwitz weitergetragen würde.

»Jeder kulturvolle und anständige Mensch wird sich verpflichtet fühlen, uns zu bedauern und Grabreden zu halten. Wenn unsere Schatten auf Leinwänden und Bühnen auftauchen, werden sich hochherzige Damen mit parfümierten Tüchern die Augen wischen und uns beklagen: Ach, die Unglücklichen.«

Oberflächlich, vereinnahmend, das eigene Gewissen entlastend und ohne Einbezug der jüdischen Perspektive – so stellte sich Levite, der aus dem polnischen Brzozów stammte und im März 1943 aus dem Ghetto Krakau nach Auschwitz deportiert worden war, die Erinnerung der Nachwelt an die Opfer des Vernichtungslagers vor. Nur nichtjüdischen Überlebenden wäre es in Zukunft möglich, das Leben und Sterben der Juden in Auschwitz darzustellen – und jene hätten sich für die Not der Juden nie besonders interessiert. Sie würden, so sein Verdacht, ausschließlich von einigen privilegierten Häftlingen berichten: »vom versunkenen Schiff würden sie nur die Öltropfen sehen, die übrig geblieben sind und oben schwimmen.« Einen schweren Vorwurf richtete Levite auch an die freie Welt, die durch Aktivismus ihr Gewissen beruhige, aber keine wirksame Hilfe zur Rettung leiste. Es werde »appelliert und protestiert, man ruft Komitees von 5, 13 und 18 Mitgliedern zusammen, das Rote Kreuz engagiert sich und sammelt in einer Büchse für ›Barmherzigkeit angesichts des Todes‹, Presse und Radio halten Grabreden, der Erzbischof von Canterbury bietet seine Version von El male rahamim [ein jüdisches Gebet] an, in Klöstern spricht man das Kaddisch und die Kleinbürger dieser Welt stoßen auf uns an, trinken ›auf das Leben‹ und wünschen uns viel Glück, unsere Seelen mögen aufsteigen und wir erlöst werden.«

Derweil aber sei der Strick um ihre Hälse gelegt. Ihnen bleibe angesichts der hoffnungslosen Situation nur noch, Zeugnis abzulegen – wie Polarforscher, die trotz ihres Eingeschlossenseins zwischen Eisschollen weiter Tagebuch führten. Es gehe nicht um die faktentreue Darstellung der Geschichte, sondern um eine Beschreibung des Lebens in Auschwitz, die nur sie allein leisten könnten – notfalls stotternd oder in »Stummensprache«. Er bat, die Texte nicht auf die »literarische Goldwaage« zu legen und immer mitzudenken, dass sie auf dem Schafott entstanden sind. »Lasst uns den Moment ausnutzen«, so der Aufruf an seine Mitgefangenen, »wo der Henker mit Saufen beschäftigt ist. […] Es sollen doch einige Blätter für das YIVO, das jüdische Wehklagen-Archiv, erhalten bleiben.«

Von der Anthologie blieb nur die Einleitung erhalten. Geplant war, Kopien in Flaschen versteckt zu vergraben, auch an Arbeitsorten außerhalb des Lagers, an denen etliche Häftlinge eingesetzt waren. Ein Teil der Texte sollte freundlich gesinnten Polen, zu denen man bei der Arbeit Kontakt aufgebaut hatte, mit der Bitte anvertraut werden, sie nach der Befreiung wieder in jüdische Hände zu geben.

Die Räumung des Lagers ab dem 17. Januar 1945 führte dazu, dass die Texte bei den Autoren verblieben – ihr Schicksal ist ungeklärt. Levite selbst verließ das Lager zusammen mit 14 000 bis 17 000 anderen zu Fuß in Richtung Gleiwitz, wo sie in Züge gepfercht und nach Groß-Rosen gebracht wurden. Von dort gelangte er nach Buchenwald und schließlich in das Außenlager Berga. Während der Räumung des Lagers im April 1945 gelang Levite die Flucht. Wie er das Schriftstück trotz dieser Odyssee retten konnte, ist ungeklärt. Er selbst erklärte, dass er den Text als wertvollen »Blick auf das Todeslager durch die Lagerbrille« betrachtet und ihn deshalb im Wortlaut bewahrt habe.

Erste Seite des Manuskripts von Abraham Levite, YIVO Archives, RG 116, Territorial collection/Poland 2, folder 133.
Erste Seite des Manuskripts von Abraham Levite, YIVO Archives, RG 116, Territorial collection/Poland 2, folder 133.

Das Original oder eine Abschrift vertraute Levite im Sommer 1945 im DP-Camp Stuttgart-West dem Militärrabbiner Morris Dembovitz an, der es dem im Text als Adressat erwähnten YIVO in New York zukommen ließ. Dieses veröffentlichte das Dokument 1946 in seiner Zeitschrift YIVO-Bleter. Vom Überlebenden und Historiker Israel Gutman entdeckt und publiziert, wurde der Text 1953 durch den israelischen Erziehungsminister in einer Parlamentsdebatte über den Schoah-Gedenktag zitiert und fand den Weg in israelische Schulbücher. Im deutschsprachigen Raum blieb er fast völlig unbekannt.

Wer genau an der Anthologie beteiligt war, unter welchen Umständen und in welchem Lagerabschnitt sich die Gruppe traf und austauschte, berichtete Levite nicht. Sein Text unterscheidet sich in einigen Punkten stark von den etwas breiter rezipierten Berichten der Mitglieder des Sonderkommandos in Birkenau. Es überrascht der nüchterne und desillusionierte Tonfall. Die von ihm formulierten Fragen über die Perspektivität von historischen Darstellungen und über die eingeschränkten Möglichkeiten von unterdrückten, verfolgten und bedrohten Menschen, angesichts der ihnen vorenthaltenen sozialen und kommunikativen Ressourcen ihre Stimme zu erheben und gehört zu werden, wirken sehr modern. Vor allem aber fordert uns der Text heraus, darüber nachzudenken, wie unsere Erinnerung an Auschwitz aussieht, wie viel Raum wir den Berichten der Überlebenden geben und wie oft das Gedenken seltsam abstrakt und an der Oberfläche bleibt.

Dr. Andrea Rudorff promovierte zum Thema der Frauenaußenlager des Konzentrationslagers Groß-Rosen (publiziert 2014 im Metropol Verlag Berlin) und arbeitet derzeit im Projekt »Das KZ-Außenlager Katzbach bei den Frankfurter Adlerwerken« am Fritz Bauer Institut in Frankfurt am Main.

Der Text von Abraham Levite ist in deutscher Übersetzung abgedruckt in: Susanne Heim u. a. (Hgg.), Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945, Bd. 16: Das KZ Auschwitz 1942–1945 und die Zeit der Todesmärsche 1944/45 (VEJ), bearb. von Andrea Rudorff, Berlin/Boston, Mass., 2018, Dokument 158, 523–527.

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